Wer hat mir meine Kette gestohlen?

Verhaltensweisen von Menschen mit Demenz sind manchmal schwer nachvollziehbar. Umso notwendiger ist es, hinter die Fassade zu blicken.

Frau Gabriel* (Name von der Redaktion geändert) kommt aufgebracht aus ihrem Zimmer: „Meine Kette ist weg! Meine wertvolle Kette ist weg! Sie wurde gestohlen und ich weiß auch schon von wem. Die Pflegerin von gestern, ich hab sie genau beobachtet, wie sie in meinem Zimmer herumgesucht hat! Ich geh‘ zum Chef, nein besser zur Polizei! Ich zeig‘ sie an!“ So begann jeder Morgen von Frau Gabriel. Immer das gleiche Szenario. Frau Gabriel beschuldigte MitarbeiterInnen im Haus für Senioren namentlich des Diebstahls. Beruhigende Worte und gemeinsames Suchen nach der Kette halfen nicht immer und wenn, dann nur kurzfristig. Immer wieder verschwand die Kette – meist zwischen ihren Kleidungsstücken im Schrank.

Was ist real?

Mehr und mehr rückte Frau Gabriel in den Mittelpunkt von Fallbesprechungen bei den regelmäßigen Treffen der Teams. Die Biographiearbeit wurde intensiviert, es wurde ausgelotet, wer einen guten Zugang zur ihr hat, wem sie vertraut. Realitätsorientierung, ein Therapieansatz, der Menschen mit Demenz zeitliche und räumliche Orientierungshilfen gibt, brachte keine Verbesserung. Im Gegenteil, sie fühlte sich nicht ernst genommen. Denn der Hinweis, dass schon die vergangenen Male niemand ihre Kette gestohlen habe und sie auch diesmal gewiss wieder auftauchen würde, verstärkte nur ihre Verzweiflung.
Erst intensive validierende Gespräche mit Bezugspflegekräften, das sind Pflegekräfte, die einen besonders guten Zugang zu Frau Gabriel haben, brachten den wahren Grund ihrer Aufregung zum Vorschein. Sie erklärten den Zorn, die Trauer um die vermeintlich verlorene Kette: Frau Gabriel hatte sie einst von ihrem geliebten, aber schon sehr lange verstorbenen Ehemann geschenkt bekommen.
In den Gesprächen kam immer deutlicher die Trauer über den Verlust ihres Ehemannes zum Vorschein. Sie erzählte mehr und mehr davon, wie es für sie war, als er plötzlich ohne Vorwarnung starb, von der Zeit als sie dann alleine war und davon, wie sehr sie ihn vermisst.

In guten Gesprächen den Kummer von der Seele reden

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Die Kette spielte dabei eine sehr wichtige Rolle. Frau Gabriel hatte Angst davor, dass diese auch verschwindet und somit alles von ihrem Mann verloren geht. Immer und immer wieder sprach sie in validierender Gesprächsführung erst über die verlorene Kette und dann über den verstorbenen Ehemann. Sie erzählte von sich aus sehr viel. Die Anwesenheit und das vertraute Gespräch mit der Bezugspflegeperson waren ein sehr wichtiger Teil ihres Alltags geworden. Es dauerte mehrere Wochen, die wütenden Anschuldigungen über den Diebstahl wurden weniger und weniger. Vorsorglich spricht auch die Bezugspflegeperson immer wieder die damalige Zeit an – sie hilft ihr dabei, die Erinnerung an ihren Mann länger behalten zu können. Frau Gabriel braucht nun keine Angst davor zu haben, die Erinnerung an ihren Mann zu verlieren. In den guten Gesprächen kann sie trauern und sich ihren Kummer von der Seele reden. Dabei erfährt sie wieder, wie tief die schöne Erinnerung in ihrem Herzen sitzt, das kann ihr keiner nehmen – auch nicht die Krankheit Demenz.

Kette als Erinnerungsstück

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