Wir berichten - vom Martinstift-Symposion 2018

Interviews, Videoeindrücke und Vortrags-Zusammenfassungen finden Sie gebündelt auf dieser Seite. Wir berichten vom 46. Martinstift-Symposion für Sie.

Vorstand Dr. Heinz Thaler begrüßt.

Eröffnungsworte von Dr. Heinz Thaler, Vorstand des Diakoniewerks, und Mag. Gerhard Breitenberger, Geschäftsführung Diakoniewerk Oberösterreich

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Eröffnungsworte_Mag.Breitenberger.pdf
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Die Vorträge im Überblick

"Grenzwertig - Zwischen Mut und Zumutung in der Behindertenarbeit" war der Titel des diesjährigen Martinstift-Symposion im Brucknerhaus Linz. Fünf hochkarätige ReferentInnen informierten über rechtliche Fragen in der Behindertenarbeit, über den richtigen Umfang mit Gewalt und zeitgemäße Themen wie Resilienz und Burnout. Lesen Sie hier eine kompakte Zusammenfassung aller Vorträge auf einen Blick!

Resilienz: Es gibt kein Zurück, es gibt nur ein Vorwärts!

Anspannung, Polarisierung und Fragmentierung sind Kennzeichen unserer derzeitigen Welt - aber wie können wir damit umgehen? Was hilft uns, mit dieser Ungewissheit besser umzugehen? 

Dr. Harald Katzmair verwendet den Vergleich eines Seiltänzers, der seine Hände frei haben muss, um die Balance zu halten: "Resilienz bedeutet Widerstandskraft und Beweglichkeit!"

 

Fünf Prinzipien der Resilienz:

  1. Von den Füchsen lernen. Füchse haben in ihren Bauten oft mehr als 40 verschiedene Ausgänge. Wir sollten uns auch in unserem Leben verschiedene Wege und Optionen frei halten, nicht nur nach einem Plan A leben.
  2. Unscharf sehen lernen! Wir sehen Zusammenhänge nicht, wir "sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht".  Wenn wir mit den Augen blinzeln vernachlässigen wir Details für das große Ganze. Unschärfe zulassen, um Ziele zu erreichen > gemeinsamer Richtungssinn!
  3. Seine eigene Stimme finden: Schluss mit der Dressurleistung! Es geht nicht darum, ein bestimmtes Bild zu erfüllen, es geht darum, mit uns selber stimmig zu werden. Vergleiche dich mit der Person, die du gestern warst (Frank Sinatra)
  4. Feste feiern! Offenheit zurückgewinnen, Projekte auch einmal feierlich abschließen.
  5. Die Stille hören! Beziehung zu uns selbst, zu unseren "Schatten" pflegen, innerlich kohärent sein. Das schwächste Glied in der Kette ist diese vertikale Beziehung! 
     
  • Wir müssen lernen, Dinge zu verlernen und neue Dinge zu implementieren.
  • Niederlagen machen uns nicht stärker, aber sie machen uns anders
  • Die Stimme der Solidarität ist für jene da, die gebrochen sind
  • Resilienz heißt nicht hart werden, sondern robust und agil

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Dr. Harald Katzmair zum Thema "Resilienz"

 

Behindertenarbeit - Behindert durch Strafe und Haftung?

Fehler können passieren - auch bei der Begleitung und Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Damit stellt sich die Frage nach der Haftung und strafrechtlichen Verantwortung der MitarbeiterInnen. 

Mag. Dr. Wolfgang Graziani-Weiss rät: "Sehen Sie die rechtlichen Normen nicht als Behinderung!"

Früher gab es in diesem Bereich keine Judikatur, das änderte sich mit dem Heimaufenthaltsgesetz. Beschränkung ist auch Schutz vor sich selber!

 

  • Selbstanzeige - nein!
  • Sachverhaltsdarstellung an Behörde übermitteln
  • Träger muss Sicherheitsbehörde informieren
  • Es gibt eine Bandbreite an Lösungen

 

Wer muss eine Anzeige machen? > Arzt, Diplomierter Dienst

Sozialberufe haben keine Anzeigeverpflichtung!

 

Wichtig: Niemand geht alleine zur Polizei! Nehmen Sie eine Vertrauensperson mit! Als Beschuldigter bin ich zu keiner Aussage verpflichtet, im Gegensatz zu einer Zeugenaussage.

 

  • Diversion

Wenn kein grobes Verschulden vorliegt und kein Todesfall, dann gibt es die Möglichkeit der Diversion, um ein Strafverfahren zu verhindern. 

 

Strafrechtlich: selbst wenn etwas passiert, muss ich nicht befürchten, dass ich verurteilt werde!

Schadenersatz kann schlagend werden, ist aber zumeist (hängt von Träger ab) durch Betriebshaftungsversicherung abgedeckt.

Das Diakoniewerk verfügt über eine Betriebshaftungsversicherung. 

 

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an: office@diakoniewerk.at

 

Die Burnout Lüge? - Prof.in Dr.in Leibovici-Mühlberger

"Wir leben in einer schwierigen Gesellschaft, umso wichtiger ist eine positive Unternehmenskultur. Die Botschaft muss sein: du bist wichtig, für das was wir uns gemeinsam zur Aufgabe als Unternehmen gestellt haben."

 

Burnout = Balanceverlust

zwischen Individuum und Umwelt,dh. ein Auseinderklaffen zwischen dem was die Umwelt/Arbeits- und Lebenswelt braucht und zu geben im Stand ist und dem was das betroffene Individuum braucht und seinerseits im Stande ist zu geben.

 

  • Burnout ist schwer fassbar. Es gibt 126 Symptome. Die Früherkennung ist wichtig, um die Balance nicht zu verlieren.
  • 12 Stufen von Burnout: bis zur Stufe 6 kommen wir selbst gut heraus, begleitet von Freunden. Danach braucht es therapeutische Rollen.
  • 25-50% der Erwachsenen sind bedroht. Doch warum hat sich das Risiko so dramatisch erhöht?
    • Stressorenvielfalt: Erlebnisdruck, individuelle Eventkultur, Reizüberflutung, genderspezifische Rollenbeladungen, überzogene Erwartungen, 
    • Eine enorme Zunahme des Lebenstempos. New Yorker und Mexikaner gehen heute 3x so schnell wie vor 30 Jahren.
    • Wir haben laufend das Wahldilemma. Orientierung wird zur Mangelware.
    • Beziehungsneoliberalismus: neue Familienformen, Scheidungsraten > 50% (1970: 8-10%)
    • Die Sinnverlustigkeit der Gesellschaft

 

"Wir leben in einer Ich-AG, zuerst komme ich, ich, und dann immer noch ich und dann kommst du, wenn du mir etwas nützt. Oft bist du nur ein Freund auf facebook und ein LIKE reicht."

 

Was ist wichtig?

"Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen" - hat schon Aristoteles gesagt.

In der guten, liebevollen frühkindlichen Betreuung in den ersten Lebensjahren liegt der Schlüssel.

 

"Der Burnout resistente Mensch befindet sich in einer dynamischen Balance innerhalb seines individuellen Kosmos, die von einer respektvollen, verantwortlichen Wertekultur von Bindung und Beziehung vermittelt wird."

 

Die Säulen der Burnout-Prävention und eines notwendigen gesellschaftlichen Umdenkens:

  1. Love: relationaler Aspekt -Beziehungsnetzwerke
  2. Work: Aspekt der Beschäftigung - Herstellung
  3. Pray: reflexiver Aspekt - Sinnbefüllung

Carlos Escalera: Die Gewalt verändert uns alle.

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Gewalt kann jeden beeinträchtigen, verändern und sogar gewalttätig werden lassen. Dialog Orientierte Körperliche (Krisen) Intervention (DOKI) lehrt: sich zu schützen, Gewalt zu verstehen und intervenieren, ohne zu verletzen. Die Fähigkeit, äußere und innere Strukturen zu verändern, wird als Macht definiert. Die Ausübung dieser Macht erfordert eine hohe Verantwortung.

 

DOKI® ist ein Interventionskonzept zur Herstellung von Sicherheit, zur Minimierung von Verletzungen, sowie zur Kommunikationsgestaltung in zwischenmenschlichen Konfliktsituationen, insbesondere in Fällen von grenzüberschreitendem verletzendem Verhalten. Im DOKI® untersuchen wir jede Handlung in ihrer subjektiven Wirksamkeit und bei jedem Mitglied der sozialen Interaktion. Das Ziel ist die Interaktionsgewohnheiten so zu verändern, dass die Menschen eine optimale Entwicklung erreichen können. 

 

Carlos Escalera berichtet in seinem Vortrag von 3 Menschen und ihren Lebensumständen. Alle drei üben Gewalt aus. Die Gründe sind vielfältig, die Muster völlig verschieden. Er beschreibt auf eindrückliche Weise, wie es dennoch gelingen kann, die Betroffenen gut zu begleiten, mit allen Auf und Abs in dieser Rolle.

 

Jeder DOKI®-Anwender setzt sich mit der Wahrnehmung und Annahme dieser Verantwortung auseinander. Da aber ein Missbrauch der Macht bei extremen verletzenden Konfrontationen nie auszuschließen ist, werden bei DOKI® immer die Kontrollmöglichkeiten im System erörtert und etabliert.

 

Notwendigkeiten in der Krisenintervention

  • Aufrichtigkeit: Wer mit gewalttätigen Menschen arbeitet, kann selbst gewaltig werden. Um diese Gefahr gering zu halten, müssen die Professionellen ständig die innere Kongruenz (Übereinstimmung) überprüfen. 
  • Transparenz: Kein Mensch kann ständig seine innere Haltung und die Übereinstimmung mit seinen Handlungen überprüfen. 
  • Kontrolle: Wir PädagogInnen, PsychologInnen, Psychiater, LehrerInnen müssen uns gegenseitig kontrollieren. Die Kontrollebene muss transparent und ausdrücklich ins System eingebaut werden. 

 

Gewalt kann jeden beeinträchtigen, verändern und sogar gewalttätig werden lassen. DOKI lehrt: sich zu schützen, Gewalt zu verstehen und intervenieren, ohne zu verletzen. 

Martinstift-Symposion 2018

"Und so geht's doch!" - Der Weg aus der Institution

Personen mit Behinderung ein autonomes Leben unter Eigenregie zutrauen, an sie glauben und ihnen dabei helfen, ihre Lebensvorstellungen zu verwirklichen, ist das Ziel. Martin Reidinger und Sabine Etzlstorfer sprachen beim Martinstift-Symposion über dieses Spannungsfeld. 

 

UN-BRK Artikel 19: "Selbstbestimmtes Leben und Inklusion in der Gemeinschaft"

... dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen die Möglichkeit haben müssen, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, ob und mit wem sie leben und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben ..."

 

Selbstbestimmung ist Unterstützung in dem Ausmaß zu bekommen wie ich sie brauche.

Jede Person hat das Recht, begleitet zu werden, dass der Weg zum Ziel erreicht wird. Was alles möglich ist ... wie selbstbestimmt und wie selbstbewusst eine Person leben kann, wenn sich diese Person auf etwas Neues einlässt und auch eine Herausforderung annimmt!

 

Haltung in der Begleitung

  • Ziel ist eine kompetente Eigensteuerung des eigenen Lebens sowie die Stärkung der persönlichen Selbstwirksamkeit und des eigenen Selbstwerts. Menschen sind immer Experten in eigener Sache. Begleiter als Ermöglicher und Unterstützer! Mit Wille/Wunsch/Traum auseinandersetzen und nicht gleich abtun als "nicht möglich". 
  • "Fürsorge statt Assistenz dominiert heute in den Institutionen. Es ist zuviel verschult. Das Individuum muss noch mehr in den Vordergrund."
  • "Wir müssen gefragt werden: Was willst du? Was kannst du? Was möchtest du?"
  • "Wir müssen Eigenverantwortung übernehmen - selbst machen statt Macht spüren"

 

Barrieren am Weg zur Selbstbestimmung

  • Umfeld und MitarbeiterInnen als Blockierer - (Päd)Agogik kann auch hinderlich sein?
  • Bürokratie (Anträge, Mietverträge, Bankgeschäfte)
  • Wahlmöglichkeiten sind nicht bekannt
  • Meinung der Gesellschaft - ein Mensch mit Behinderung muss perfekt leben

 

 

Harald Katzmair

Dr. Harald Katzmair im Interview

Das Resilienz-Prinzip: Was uns nicht umbringt, macht uns anders Anspannung, Polarisierung und Fragmentierung sind Kennzeichen unserer derzeitigen Welt. Unser Berufsalltag ist voller Herausforderungen, die Angst vor einem Kontrollverlust oft groß. Wie gehen wir mit dieser Erfahrung um? Was können wir tun? Was macht uns stark und handlungsfähig gerade in dieser Situation? Das Interview führte Mag. Karin Windpessl (Diakoniewerk).

Resilienz bedeutet, dass wir handlungs- und lernfähig bleiben auch unter schwierigen Bedingungen. Überraschungen und Unerwartetes passiert, wir finden aber einen Weg damit umzugehen. Denken wir an Schachspiel: wir sind dann Schach-matt, wenn wir keinen Zug mehr machen können. Resilienz bedeutet hingegen, wir haben immer einen alternativen Zug parat,  wir bleiben im Spiel.

Die Veränderungszyklen sind schnell und Überraschungen passieren. Wir sollten aber nicht überrascht sein, dass Überraschungen passieren werden. Resilienz ist heute wichtig, weil vieles sich nicht voraussagen lässt. Wir müssen mehr denn je darauf gefasst sein unsere Pläne zu ändern, wenn die Welt um uns herum sich ändert.

Es geht schlicht und ergreifend darum ob unser Leben gelingen kann, ob wir wachsen und uns entwickeln können selbst in einer Welt von tanzenden Landschaften – oder ob wir verängstigt und bitter werden, weil uns die Veränderungen der Welt zerrütten. 

Wir sind in vielen Bereichen hypereffizient geworden. Da gibt es keinen Platz mehr für Überraschungen. Resilienz benötigt Spielräume, um auf Überraschungen reagieren zu können.  In unserem Versuch Dinge zu optimieren und Kosten zu sparen verlieren wir schnell unsere Flexibilität. Muße, Feste feiern, einfach nur „Sein“ und nicht immer bloß „Tun“ sind Voraussetzungen für Resilienz. Sie schaffen Freiräume für Unerwartetes, sie sind der Garant dafür, dass nicht alles angefüllt und verbaut ist mit Terminen und Verpflichtungen.

Es geht hier vor allem um das prinzipielle Vertrauen zu sich selbst und in die Welt. Jene, die in der Kindheit mit stabilen, belastbaren, verlässlichen Beziehungen aufwachsen durften tuen sich leichter mit Stresssituationen und Veränderungszyklen. Jene die die Welt als instabil und unzuverlässig erfahren haben, tuen sich schwerer. Resilienz ist also im gewissen Sinne zunächst mehr „ererbt“ als angeboren oder erlern.

Wie die Auswirkungen der frühkindlichen Beziehungs-Stabilität auf die Resilienz zeigt ist sie ja nicht eine Eigenschaft von Einzelnen, sondern von Beziehungen und Netzwerken. Wir können später zum Beispiel üben gemeinsam zu improvisieren, Improvisationstheater ist eine großartige Möglichkeit. Generell kann Resilienz in Teams geübt werden: gemeinsam Neues erkunden, Bewährtes vertiefen, im Krisenfall improvisieren. Das Improvisationstheater ist eine wunderbare Schule der Resilienz.

Es geht darum, dass wir wie der Fuchs im Fuchsbau immer mehrere Ausgänge haben. Diversität ist das Zauberwort. Je unterschiedlicher wir sind, je mehr unterschiedliche Ansätze und Denkweisen wir zulassen, desto eher werden wir im Krisenfall eine Antwort parat haben, frei nach dem Prinzip: In unserer Werkzeugkiste ist nicht nur ein Hammer drinnen, sondern wir haben da auch Zangen, Sägen und Schraubenzieher. Was immer die Situation sein wird, wir haben unter uns jemanden der das richten kann.  

Die Boxlegende Muhamed Ali veränderte nach seiner KO Niederlage gegen Joe Frazier seinen Boxstil vollkommen. Vor der Niederlage kämpfte er ohne Deckung war ungeheuerlich agil. Nach der Niederlage war deutlich langsamer, kämpfte mit Deckung und nutzte die Seile, um den Schlägen auszuweichen. Mit dem neuen Stil schaffte er dennoch den Come-back Sieg gegen George Foreman. Befragt nach den Gründen seiner Änderung sagte er in einem Interview: „Niederlagen machen nicht stärker, aber sie machen uns anders“. Genau darum geht es bei der Resilienz – lernfähig bleiben, anders werden können auch wenn das Leben uns auf die Bretter wirft.

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