Reber A.

23 Jahre, Kurde aus Syrien

Menschen zwischen den Welten

Als Kurde in Syrien geboren, bin ich neun Jahre lang dort zur Schule gegangen und habe mit meiner Familie in einem großen Haus mit einigen Tieren gelebt. Mein Vater hat zwar studiert, aber als Taxifahrer und später als LKW Fahrer gearbeitet. Ich habe oft meinem Onkel, der ein Restaurant hatte, geholfen und dort als Kellner gearbeitet. Als Kurde in Syrien war es generell sehr schwierig für uns. Wir hatten keine Rechte und bekamen auch keinen Reisepass. Die letzten Wochen vor meiner Flucht habe ich mich immer versteckt. Ich wusste nicht, wer zu uns nach Hause kommt und mich einfach mitnimmt um in irgendeiner Gruppe zu kämpfen. Ich habe mich nicht mehr auf die Straße getraut. Freunde von mir wurden getötet. 


Für die Armee von Assad wollte ich nicht kämpfen und ich beschloss, in ein sicheres Land zu flüchten, egal wohin. Mein Vater war einverstanden. Es war Zufall, dass ich in Österreich gelandet bin. Von Österreich wusste ich nichts und in der Schule haben wir von diesem schönen Land nichts gelernt. 


Ich flüchtete 2014 nach Österreich. Zuerst war ich in Traiskirchen und dann in Fieberbrunn/Tirol. Ich hatte sehr viel Angst in dieser Zeit, da ich nicht wusste, ob man mir glaubte und ob ich in Österreich bleiben durfte. Im Herbst 2014 bin ich nach Gallneukirchen gekommen und habe relativ schnell meinen positiven Asylbescheid erhalten. Somit wusste ich, dass ich bleiben darf und konnte mich endlich sicher fühlen. In Gallneukirchen habe ich viele Menschen kennengelernt, die sehr freundlich waren und mir beim Deutsch lernen und auch später bei der Wohnungssuche geholfen haben.


Durch einen Jobcoach habe ich ein Restaurant gefunden, wo ich eine Lehre zum Kellner (Restaurantfachmann) beginnen konnte, was mir aufgrund dessen, dass ich in Syrien auch schon als solcher gearbeitet hatte, zugutekam. Auch wenn es einige Unterschiede zu Syrien gibt, wie zum Beispiel die Arbeitszeiten (es wurde solange gearbeitet an einem Tag, solange Arbeit oder Gäste da waren) oder die Arbeitsatmosphäre (man kannte sich untereinander und hatte viel Spaß), gefällt mir die Arbeit als Kellner sehr gut. Ich wollte unbedingt eine Ausbildung machen, das habe ich geschafft und heuer meine Lehre positiv abgeschlossen. 


Ich habe noch einige gute Kontakte zu den Menschen aus Gallneukirchen. Ein guter Freund, den ich auf meiner Flucht kennengelernt habe, wohnt im selben Haus wie ich und auch mit meinen Nachbarn verstehe ich mich gut. Es gibt nur manchmal Begegnungen mit Menschen, deren Aussagen mich ärgern. Früher, aufgrund der noch zu geringen Deutschkenntnisse, konnte ich ihnen keine Rückmeldung geben. Doch jetzt kann ich diesen Menschen sagen, dass ich arbeite, fleißig bin und Steuern bezahle in Österreich.


Ich werde nachdenklich, wenn ich an Syrien denke. Ob dort jemals wieder Frieden herrschen wird, das weiß ich nicht. Ich weiß, dass ich dorthin nicht mehr zurück kann. Ich würde eingesperrt werden oder müsste für die Armee von Assad kämpfen, was ich nicht will. Denn ich will leben!

 

Oktober 2019

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