Mahmoud D.

32 Jahre, Palästinenser aus Syrien

Menschen zwischen den Welten

Als staatenloser Palästinenser in Syrien geboren, habe ich mein Hochschulstudium in Englischer Literatur abgeschlossen. Ich habe als Lehrer in Syrien gearbeitet, genauso wie mein Vater und meine Frau auch.

 

Der Krieg in Syrien hat uns von Duma, einem Vorort von Damaskus, vertrieben. Meine Geschwister und meine Eltern hatten jeweils eine eigene Wohnung in Duma. Nach dem Wohnortwechsel nach Damaskus, haben wir alle gemeinsam in einer großen Wohnung gelebt. Dies war sicherer für alle, da regelmäßig Soldaten in die Wohnung kamen, um junge Männer für das Militär mitzunehmen. Wenn man in der Früh zur Arbeit ging, hat man sich verabschiedet, als wenn man nicht zurückkommt. Einer meiner Cousins ist vor sechs Jahren spurlos verschwunden. Als Lehrer war ich eine Weile vom Militärdienst befreit, doch als keine Aufschiebung mehr möglich war, entschied mein Vater, dass ich Syrien verlassen und nach Europa flüchten solle. Meine Familie ist dann etwa 1 Jahr später nachgekommen.


Von Österreich wusste ich nicht viel und die erste Zeit war sehr schwierig für mich, da ich nicht wusste, ob ich bleiben kann. Ich hatte Angst, dass ich nach Ungarn oder nach Serbien zurückmuss. Gleichzeitig hatte ich Angst um meine Frau, mein Kind und meine Eltern und habe mir Gedanken darüber gemacht, wie sie es nach Europa schaffen könnten.


Nachdem ich den positiven Asylbescheid erhalten habe und meine Familie nach Österreich kam, habe ich kurz darauf beim Diakoniewerk als Flüchtlingsbegleiter zu arbeiten begonnen. Gleichzeitig habe ich als Stützkraft in der Volksschule Schweinbach mit den arabischen Kindern gearbeitet. Leider ist mein Universitätsabschluss aus Syrien hier nichts wert. Ich kann in Österreich nicht als Englischlehrer arbeiten, was mich auch bedrückt. Derzeit arbeite ich als Taxifahrer und noch immer als Stützkraft in der Volksschule in Schweinbach.


Meinen ersten Tag in Gallneukirchen habe ich noch sehr gut in Erinnerung. Eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin vom Verein GiG (Gemeinsam in Gallneukirchen) kam zu uns in die Wohnung und hat uns gefragt, wie es uns geht. Sie hat uns und viele andere beim Deutsch lernen unterstützt. Alle waren sehr nett, haben mir geholfen und ich war sehr glücklich darüber. 


Mittlerweile habe ich viele Kontakte mit Österreichern. Mit unseren Nachbarn verstehen wir uns gut und wir treffen uns regelmäßig. Die Kontakte zum Verein GiG sind noch immer aufrecht, was mich sehr freut. Doch ich vermisse manchmal meine alte Heimat, meine alte Sprache. Wenn es kompliziert wird, dann kann ich mich auf Deutsch noch nicht so gut ausdrücken und mir fehlen die Worte. Ebenso vermisse ich meine alten Freunde, meine Arbeit in Syrien, meine alte schöne Wohnung (diese gibt es nicht mehr – zerstört).


Früher habe ich nach der Arbeit kaum an die Schüler gedacht, jetzt merke ich, dass ich mir zuhause Gedanken über meine Arbeit mache. Auch wie ich meine Arbeit besser machen kann. Auf der anderen Seite ist in Österreich vieles geregelt. Ich bin in Österreich zwar Ausländer und Flüchtling, aber ich habe auch Rechte. Das hatte ich in Syrien als Palästinenser nicht, auch wenn es mir dort grundsätzlich gut gegangen ist.


Worüber ich mich dennoch ärgere in Österreich ist, dass das Kopftuch bei den muslimischen Frauen so oft und negativ diskutiert wird. Die meisten Frauen tragen das Kopftuch, weil sie es so wollen. Sie tragen das Kopftuch nicht, weil der Mann es bestimmt. Ich verstehe nicht, warum das ein Problem für viele Österreicher ist. 
Der Krieg in Syrien hat alles verändert. Jede Familie hat jemanden im Krieg verloren. Es gibt nur Opfer in der syrischen Bevölkerung. Syrien gibt es nicht mehr.
 

Oktober 2019

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