Loay A.K.

29 Jahre, aus Syrien

Menschen zwischen den Welten

Im Süden von Syrien liegt Dara, wo ich geboren bin. Ich habe neun Semester Petrolwissenschaft studiert, aber kurz vor dem Abschluss musste ich Syrien verlassen. Wir hatte ein sehr gutes Leben dort. Meine Eltern waren beide Lehrer. Mein Vater hatte zusätzlich noch eine Firma für Elektrogeräte und eine Firma für Haussanierungen. Wir arbeiteten täglich in den Firmen meines Vaters mit. Vormittags zur Universität und danach ins Geschäft oder auf eine Baustelle. Meine Freunde und ich halfen und arbeiteten nicht nach fixen Arbeitszeiten. Solange jemand im Geschäft war, verkauften wir.

 

Uns ist es finanziell sehr gut gegangen. Jeder von uns Söhnen hatte ein Motorrad, als Erwachsener ein eigenes Auto und auch ein eigenes, großes, schönes Haus. Ich hatte viele Freunde vom Studium und aus der Nachbarschaft, mit denen ich viel unternommen habe. 


Für meine Flucht gab es zwei Gründe. Zum einen wurde das Haus meiner Eltern durch eine Bombe zerstört und einer meiner Brüder dabei getötet und zum anderen sollte ich für die Armee von Assad kämpfen. Das wollte ich nicht und mein Vater hat gesagt: „Wir fliehen!“


Meine Familie ist auf verschiedene Länder aufgeteilt. Meine Eltern leben in Jordanien, andere sind nach Ägypten geflohen. Manche meiner Freunde sind in die Türkei, nach Deutschland oder Norwegen gegangen. Ein Freund von mir ist in Österreich und ich habe mich auch bewusst dafür entschieden, da ich unbedingt Petrolwissenschaften fertig studieren wollte, was nur in Österreich oder Norwegen möglich ist.


Die erste Zeit in Österreich war ich in Fieberbrunn/Tirol, was schrecklich für mich war. Dort war nichts, das nächste Dorf weit weg und wir waren ganz alleine. Wir haben keine Österreicher getroffen. Nach etwa drei Wochen in Fieberbrunn bin ich nach Gallneukirchen gekommen, wo alle sehr nett und freundlich waren. Dort habe ich mich sicher gefühlt und ich wusste, dass nun alles gut werden würde. Ich habe viel Deutsch gelernt mit verschiedenen Leuten aus Gallneukirchen, vom Verein GiG (Gemeinsam in Gallneukirchen). Ich wollte schnell Deutsch lernen, da ich wusste, dass ich es für mein Studium brauchen würde.


Nach etwa einem Jahr konnte ich ausreichend Deutsch, um das Studium auf der Montanuniversität in Leoben zu beginnen. Es war nicht immer einfach, doch einige Leute haben mich viel unterstützt und mir Mut gemacht. Es gibt doch einige Unterschiede zwischen dem Studium in Syrien und in Österreich. In Österreich ist es interessanter. Man wird auf Deutsch und auf Englisch unterrichtet und man muss viel an selbstständigen Recherchen unternehmen. Jetzt habe meine Masterarbeit geschrieben und das Studium erfolgreich abgeschlossen. Während ich nun auf der Suche nach einem guten Arbeitsplatz bin, beginne ich nebenbei mit einem Freund einen Onlinehandel für syrische Lebensmittel. Das soll jedoch nur eine Nebenbeschäftigung sein, denn ich möchte schon eine Arbeit finden, die meiner Ausbildung entspricht.


Privat habe ich zusätzlich vor, dass ich in den nächsten Monaten heirate. Meine Frau lebt in Amerika und kommt zur Hochzeit nach Deutschland, da sie in Österreich nicht einreisen darf. Gesetze, die ich zwar respektiere aber nicht verstehe.


Nach Syrien und meiner Heimat gefragt, muss ich leider sagen, dass ich keine Heimat mehr habe. Syrien gibt es nicht mehr. Ich habe dort keine Kontakte mehr. Meine Freunde und meine Familie sind von dort weggegangen oder wurden dort getötet. In Syrien wird sich so schnell nichts verändern. Syrien ist geteilt, die Russen, die Amerikaner, der Iran haben es besetzt. Syrien gehört nicht mehr den Syrern.
 

Oktober 2019

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