Hoffnungsträger*innen Waltraud, Kurt, Michaela und Hermann

Herr Corona muss bald seine Koffer packen - ein Interview mit Hoffnungsträger*innen Waltraud, Kurt, Michaela und Hermann über ihren neuen Alltag

Normalerweise arbeitet Michaela L. in der Werkstätte Linzerberg des Diakoniewerks in Gallneukirchen.

Jetzt arbeitet sie in einer teilbetreuten Wohngemeinschaft des Diakoniewerks für Menschen mit Beeinträchtigung. Wie Hermann wohnen auch Waltraud K. und Kurt E. nun den ganzen Tag hier. Dabei müssen sie einen Sicherheitsabstand einhalten.

 

Wie geht es euch mit Corona?

 

Michaela: Corona sieht man nicht, dennoch ist es mitten im Leben. Kurt hat gemeint…

Kurt: Der Herr Corona ist unsichtbar!

Waltraud: Wir haben eine große Wut gehabt auf den Herrn Corona.

Kurt: Er muss jetzt bald seine Koffer packen. Der soll ausziehen und auf eine Reise gehen.

Hermann: Es reicht einmal. (lacht)

Michaela: Corona wird für uns hier verständlicher und sichtbarer, wenn wir uns das unsichtbare Virus als Mensch vorstellen. Wir sprechen täglich darüber, wie wir uns vor Herrn Corona schützen können, wie es uns mit ihm geht und was wir von ihm halten. Dabei sind wir uns einig: Herr Corona ist hier nicht mehr erwünscht.

Waltraud: Zuerst haben wir gesagt: Er soll auf den Friedhof…

Michaela: So müsste manch Verstorbener vielleicht nochmals sterben. Das wollen wir nicht.

Waltraud: Dann haben wir gesagt, wir schicken ihn auf den Mond …

Kurt: Aber die Ausgangssperre!

Michaela: Das wäre auch nichts, wenn der Mond dann nicht mehr untergehen und aufgehen darf, weil wir Herrn Corona zu ihm geschickt haben.

Waltraud: Jetzt haben wir ihn zum Teufel geschickt. Dort kann er bleiben. Dann hat der Teufel Ausgangssperre! Das ist gut so! (alle lachen)

 

Wie sieht euer Alltag jetzt aus?

 

Michaela: Wir starten unseren gemeinsamen Tag mit einer Tasse Kaffee, tauschen unser Befinden aus und besprechen, was heute zu tun ist und wir gern tun möchten.

Waltraud: Der Kaffee wird mit vieeel Liebe serviert – von mir!

Michaela: Waltraud arbeitet normalerweise im KOWALSKI, einem Kaffeehaus.

Hermann: Dann putzen wir. Mit dem Desinfektionstuch. Türklinken, Lichtschalter und so. Dann gibt es Mittagessen. Ich esse am Balkon.

Waltraud: Ich auch.

Kurt: Ich im Zimmer. Das ist schon so fad!

Michaela: Nicht gemeinsam an einem Tisch Essen zu dürfen, ist jedesmal wieder eine Erfahrung, an die wir uns einfach nicht gewöhnen. Es macht uns bewusst, auf welch elementare Art und Weise  "gemeinsam Mahl halten" Körper, Geist und Seele stärkt und eine Atmosphäre der Verbundenheit und Zufriedenheit schafft. Nach dem Mittagessen hat jeder Zeit für sich.

Hermann: Ich lieg auf der Couch.

Kurt: Ich tu im Zimmer Radio horchen.

Waltraud: Ich tu a Mittagsschlaferl machen und Fernsehen.

Michaela: Am Nachmittag arbeiten wir gemeinsam – mit Abstand natürlich – an verschiedenen Projekten.

Was ist jetzt besonders schwierig?

 

Kurt: Ich habe Heimweh und ich vermisse meinen Hund Edi ganz viel. Den hab ich schon so lange nicht mehr gesehen. Und ich würde gern wieder mal in ein Kaffeehaus gehen und eine gute Torte essen und mit allen einen Kaffee trinken.

Waltraud: Das enge Zusammensein. Der Hermann lacht sehr laut, das tut oft weh.

Michaela: Wir haben alle unsere Eigenheiten. Diese fallen uns selbst oft gar nicht auf, zeichnen uns aus und machen uns besonders. Auf engem Raum jedoch können diese besonderen Eigenheiten für unser Gegenüber manchmal als anstrengend empfunden werden.

Hermann: Meine Oma ist gestorben, die fehlt mir. Wenn man drinnen ist und viel Zeit hat, denkt man viel nach und ist oft traurig. Auch die Arbeit fehlt mir.

Kurt: Mir auch.

Michaela: Mir kostet das Maskentragen immer wieder Überwindung und einen Menschen nicht berühren zu dürfen, fällt mir schwer. Gerade in der Begleitung von Menschen mit Behinderung habe ich die Erfahrung gemacht, wie stabilisierend sich heilsame Berührungen auf das psychische Befinden auswirken können.

Kurt: Mein Bein hat ein Loch …

Michaela: Kurt hat eine Wunde am Bein, die wir täglich versorgen und umsorgen. So haben wir Zeit ungestört miteinander zu reden – auch mit dem Bein (lacht) – und die Füße einzucremen. Kurt kann sich dabei gut entspannen. Eine Maske bei den Pflegemaßnahmen zu tragen, fühlt sich für mich befremdend an.

Kurt: Sie schaut aus wie eine Ärztin.

Hermann: Sie schaut aus wie ein Verbrecher, der einen Banküberfall machen will! (alle lachen)

 

Was ist jetzt schön?

 

Waltraud: Dass wir alle Chef sind! (alle lachen)

Michaela: In der Weberei haben wir beschlossen, dass wir alle Chefs sind – dann fällt uns das Arbeiten leichter und jeder darf über seinen Arbeitsbereich, wo er der alleinige Chef ist, bestimmen und auch Verantwortung tragen. Das praktizieren wir jetzt auch hier: So haben wir Kurt, unseren Müllwegbring-Chef, Waltraud, unsere Küchen- und Sträuchergieß-Chefin und Hermann, unseren Desinfizier- und Putz-Chef.

Waltraut: Dass wir die Michaela kennengelernt haben durch den Corona, das ist schön. Und dass wir recht viel Spaß mit ihr haben!

Michaela: Leben in einer so außer-gewöhnlichen Zeit miteinander begehen zu dürfen, füreinander Lehrer und auch wieder Schüler zu sein, aneinander zu wachsen und sich zu entwickeln, empfinde ich als eine Kostbarkeit.

Kurt: Jeder hat mal Sorgen.

Waltraud: Ich stricke viel!

Kurt: Das Arbeiten daheim ist schön, das Texte schreiben. Das Telefonieren. Brotbacken, Palatschinken machen.

Michaela: Jeden Tag gehen wir eine Runde ums Haus herum, (un)natürlich mit Abstand und in Begleitung einer Schutzmaske! (lacht) und erfreuen uns, wie blühendes Leben neu erwacht.

Hermann: Das ist unsere Seelenrunde.

Michaela: Unsere Sonnen-Seelen-Runde!

 

Woran arbeitet ihr gerade?

 

Kurt: Wir schreiben Texte und zeichnen Bilder.

Michaela: Viel über den Herrn Corona, zuletzt auch viel über Ostern. Kurt hat zum Beispiel einen Würstelstand gemalt…

Kurt: Das letzte Abendmahl.

Michaela: Im Würstelstand arbeitet eine Bosnierin. Die heißt so, weil sie Bosner macht.

Kurt: Auch für Jesus, zum letzten Abendmahl bei Sonnenuntergang. Und als Nachspeise beim Abendmahl gibt es ein Ei.

Waltraud: Die Osterandacht war auch sehr schön!

Hermann: Viel telefonieren und Briefe schicken.

Michaela: Wir alle schreiben Briefe an unsere Lieblingsmenschen und rufen sie oft an. Ich habe schon lange nicht mehr eine so fröhliche und sinnliche Osterzeit erlebt.

Waltraud: Ich mach auch Palatschinken.

Michaela: Einmal in der Woche gibt es Palatschinken von Waltraud, unserer Palatschinkenkönigin. Das ist immer ein herbeigesehnter Wochenhöhepunkt.

Waltraud: Da fang ich extra früher an. Ich mach die besten Palatschinken. Die sind so gut, weil sie mit Liebe gemacht sind. Alles mit vieeel Liebe!

Michaela: Am Anfang haben wir auch Kuchen gebacken. Aber das hat man dann an unseren Bäuchlein gesehen, deswegen haben wir aufgehört. Anstatt Zuckerbäcker sind wir nun zu Brotbäckern geworden. (alle lachen)

Michaela: Wir haben viele Texte über unser Leben mit Herrn Corona geschrieben. Diese sollen nun als Gastbeitrag in einem Jubiläumsbuch der Theatergruppe Malaria, wo Kurt arbeitet, veröffentlicht werden. Darüber haben wir eine große Freude und diese Möglichkeit motiviert uns, weitere Texte zu schreiben.

Die Texte aus unserem Leben in der Quarantäne zu schreiben, wurde zu einem kraftspendenden Ritual.

Dieses Ritual schuf einen heilenden Raum der ermöglichte,  in der Coronazeit Erlebtes besser zu verstehen, zu verarbeiten und vor allem „unser verunsichertes Herz“ leichter werden zu lassen. Wir freuen uns ganz besonders, dass einer dieser Texte nun auch auf einem T-Shirt abgedruckt wird.

Hermann: Die Leiberl sind „a Hit“ und ich freu‘ mich darauf, eines bald anziehen zu können. Wenn Herr Corona seine Koffer gepackt hat!

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Was wäre, wenn Herr Corona eine Frau findet?
Kurt Engleder, Hermann Elsigan, Waltraud Kramer und Michaela Leitner sind unsere "Quarantänetexter*innen" in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung des Diakoniewerks. Sie haben sich Gedanken dazu gemacht. Dabei ist der Text "Herr Corona und die Liebe"  entstanden, der nun in einer gekürzten Fassung auf einem T-Shirt zu finden ist.
Es steht für eine Zeit, die uns allen in Erinnerung bleiben wird.
Der Verkaufserlös kommt Menschen mit Behinderung zu Gute .

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