Anzour H.A.

30 Jahre, aus Syrien

Anzour H.

Ich bin in Syrien in Damaskus geboren und habe dort meinen Universitätsabschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Einige Jahre war ich Angestellter in einer Bank und nebenbei selbstständig tätig als Buchhalter für diverse Firmen. Um nicht für die Armee von Assad zu kämpfen, ging ich mit meiner Familie von Damaskus weg, in unsere damalige Wohnung am Lande. Jedoch wurde ich beim Versuch dorthin zu gelangen, am Bein verletzt. Mein Vater hat dann entschieden, dass wir das Land verlassen und nach Europa fliehen sollen.

 

Meine Brüder gingen nach Schweden, meine Eltern später in die Türkei, wo sie mittlerweile arbeiten können. Ich habe mich bewusst für Österreich entschieden. Österreich kannte ich aus Erzählungen von den österreichischen Soldaten, die in meiner Kindheit am Golan gedient hatten und ich hatte die Österreicher von damals sehr freundlich in Erinnerung. Mein Bild von Österreich war ein sehr gutes. Nette Menschen, ein sehr schönes und ruhiges Land!


Die erste Zeit in Österreich habe ich mich sehr alleine gefühlt und manchmal auch Angst gehabt. Niemanden zu kennen, in einem Land, in dem man die Sprache nicht spricht, war sehr schwierig für mich. Jedoch spreche ich Englisch und das hat mir die Kontaktaufnahme mit ÖsterreicherInnen wiederum erleichtert. Generell spreche ich mittlerweile fünf Sprachen: Arabisch, Tscherkessisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Während meiner Zeit in den Flüchtlingsquartieren in Fieberbrunn/Tirol und Gallneukirchen habe ich Menschen getroffen, zu denen ich teilweise auch heute noch Kontakt habe. Mein bester Freund kommt aus Deutschland. 


Nachdem ich meinen positiven Asylbescheid bekommen habe, war ich etwa zwei Jahre lang als Flüchtlingsbegleiter tätig. Doch meine Welt sind die Zahlen. Ich habe in Syrien Buchhaltung studiert, konnte in Österreich jedoch damit nichts anfangen. Ich musste von vorne beginnen. Nach vielen Bewerbungen und langer Suche nach einem Arbeitsplatz, bin ich jetzt über eine Implacementstiftung bei einer Steuerberatungsfirma 40 Stunden beschäftigt und gehe zusätzlich etwa 10 Stunde pro Woche zum WIFI, um meinen Abschluss in Buchhaltung zu machen. Die Kursteilnehmer waren zu Beginn skeptisch, da sie meinten, dass ich die Ausbildung nicht schaffen würde. Doch ich verstehe das Fachliche, nur bei den deutschen Begriffen liegt manchmal die Schwierigkeit. Die Kurskolleginnen und -kollegen haben mir Hilfe angeboten und mittlerweile verstehe ich auch die fachlichen Begriffe.

 

Mein Chef, zu dem ich eine sehr gute Beziehung habe, wird mir auch die spätere Ausbildung in der Personalverrechnung finanzieren. Dass ich jetzt bei dieser Firma arbeiten kann, macht mich glücklich und ist eine Win-Win Situation für beide Seiten. Nach einigen Jahren Ausbildung hier in Österreich werde ich beruflich wieder dort stehen, wo ich in Syrien aufgehört habe.


Wenn ich an Österreich denke, dann fallen mir viele positive Eigenschaften ein. Ein sehr schönes Land mit viel Natur, einem sehr guten Ausbildungssystem, Strukturen und klaren Regeln in der Arbeit, wie Genauigkeit und Pünktlichkeit. Hier hat man Rechte und es wird einem auch geholfen, wenn es notwendig ist. Ich habe zwar auch Menschen in Österreich kennengelernt, die mir als Ausländer negativ gegenüber getreten sind und die mich von oben herab behandelt haben, aber viele Menschen sehen mich gleichwertig und behandeln mich gleich.


Wenn ich an Syrien denke, werde ich traurig. Denn das Syrien, in dem aufgewachsen bin, an das ich auch wunderschöne Erinnerungen habe (viele Freunde, sehr schöne Jugend, schöne Orte wie Aleppo oder Palmyra), gibt es nicht mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es je wieder so wird, wie es einst war. Ich bin gerne in Österreich. Aber ich habe auch viel verloren. 
 

Oktober 2019

Teaser in neuem Tab

Nein