06.04.2020

Psychologischer Dienst in außergewöhnlichen Zeiten

Regina Brassé ist Psychologin im Diakoniewerk Tirol. Sie erzählt im Interview, warum psychologische Begleitung jetzt besonders wertvoll ist, wie diese aus dem Heimbüro funktioniert und wie sie sich selbst in der Corona-Zeit organisiert.

Warum ist psychologische Begleitung jetzt besonders wichtig?
Der Mensch ist ein soziales Wesen und benötigt den Sozialkontakt zu anderen. Dieser persönliche Kontakt ist nun extrem eingeschränkt worden. Gerade alleinstehende Menschen benötigen jetzt umso mehr die Unterstützung, auch von Fachpersonen, da sie mit ihren Sorgen und Ängsten alleine sind.

Demgegenüber kann das plötzliche, unfreiwillige Zusammenrücken der Kernfamilie, besonders bei räumlich beengten Wohnverhältnissen, eine „Pulver-Fass-Situation“ sein. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten und unterschiedliche Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder können schnell zu Gereiztheit und dadurch Konflikthäufung führen. Gespräche mit Außenstehende können dabei helfen, solche Situationen zu entschärfen.


Auch die Ungewissheit über die zukünftige Situation wirft viele Fragen und Ängste auf. Da tut es gut, sich diese bei einem Außenstehenden von der Seele zu reden. Ich gehe davon aus, dass je länger diese Ausnahmesituation bestehen wird, diese umso belastender erlebt wird, auch, wenn möglicherweise eine gewisse Gewöhnung eintritt. Dann wird psychologische Unterstützung eine wertvolle Hilfe sein.

 

Was sind die Anliegen der Kolleg*nnen und Klient*nnen speziell in der Corona-Zeit?
Aktuell haben sich die Inhalte gar nicht so sehr verändert. Ich habe mehr den Eindruck, dass sich Schwierigkeiten, die schon vor der Corona-Krise bestanden, nun verstärken und besonders belastend erlebt werden. Ich bekomme auch von Familien die Rückmeldung, dass die Situation zu Hause mit allen Verpflichtungen derzeit noch gut funktioniere. Vereinzelt erhalte ich Fragen zu Sorgen und Ängsten über den weiteren Verlauf der Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf Arbeit, Familie und Gesellschaft.
 

Welche Tipps geben Sie ihnen?
Zweimal wöchentlich verfasse ich einen Gute-Laune-Newsletter, mit dem ich Interessierten Abwechslung im Alltag zu Hause bieten möchte. Entspannungs- und Kochtipps werden mit kurzen Fachinputs und etwas zum Lachen abgerundet. Kurz und knackig ist das.
Aus diesem wird auch mein in letzter Zeit sehr oft verwendeter Satz bekannt sein: „Eine außergewöhnliche Situation verlangt uns Außergewöhnliches ab und erklärt auch außergewöhnliche Verhaltensweisen“, den ich in verschiedenen Varianten erkläre.
Und etwas, das ich auch noch öfters mitteile, ist, dass eine bereits zuvor schwierige Situation mit den derzeitig eingeschränkten Möglichkeiten schwierig aufzulösen ist. Vielmehr geht es um eine schnelle Entspannung eines akuten Problems und konkretes Planen kleiner Schritte, die jetzt umsetzbar sind.

 

Wie sind Sie in Kontakt?
Ich verwende derzeit sehr viel mein Diensthandy. Bei längeren Gesprächen finde ich es feiner, wenn man sein Gegenüber sieht. Da benütze ich Zoom. Ich bekomme auch viele Mails und beantworte diese auch auf diesem Weg. Mit einigen Menschen bin ich über Signal in Kontakt.

 

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag verändert?
Mein Arbeitsalltag hat sich um 180 Grad gedreht und ist komplett auf den Kopf gestellt: Bin ich vor der Quarantäne- und Homeoffice-Verordnung oft bis zu drei Stunden im Auto gesessen und ins Büro oder zu Terminen gefahren, startet nun mein Tag mit dem Blick aufs Diensthandy und dem Einschalten des Laptops bei mir zu Hause am Esstisch. War ich davor mit sehr vielen Menschen im persönlichen Kontakt, erfolgt dies nun über Telefon oder elektronischem Wege. Ich hatte geblockt sehr lange Arbeitstage, jetzt sind meine Arbeitsphasen den ganzen Tag hindurch immer wieder unterbrochen und dadurch aufgelockert.

 

Wie organisieren Sie diese neue Situation für sich selbst?
Neben Beaufsichtigung des Home-Schooling der Kinder sehe ich (leider) auch die vielen Haushaltsdinge und erledige diese mittendrin. Und (mindestens) dreimal täglich gibt’s eine leckere Mahlzeit mit allen Familienmitgliedern am Tisch, was schon fast Wochenendfeeling aufkommen lässt. Auch hier halte ich es privat mit meinem Spruch „A guat´s Essen halt Leib´ und Seel´ z´samm“ J. Und wie man am Foto erkennen kann, sorge ich auch drinnen für körperliche Aktivität und Abwechslung mit einem Fahrrad-Trainer und einem Indoor-Tischtennis-Tisch.