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45. Martinstift-Symposion

Schein und Sein

Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf dem Prüfstand

Details zu den Vorträgen/ReferentInnen

Prof. Dr. Georg Feuser
Was wir nicht wollen oder vermögen, deklarieren wir als Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Kritische Anmerkungen zum Paradoxon selektierender Inklusion

Die aus der Perspektive meiner Beobachtungen und Erfahrungen sich fortschreibende Krise der Integration ist weder durch die Etablierung des Begriffs der Inklusion noch durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im deutschsprachigen Raum positiv gewendet worden. Es wird immer deutlicher, dass man sich an der Integration der Inklusion in die Segregation abarbeitet, weil ein Systemwandel der Behindertenfürsorge als Bedingung der Einlösung des mit der UN-BRK verbrieften unteilbaren Menschen-Rechts auf eine anerkennungsbasierte, uneingeschränkte aktive Teilhabe aller an allen Bereichen von Gesellschaft und Kultur vermutlich weder gewollt wird, noch gedacht werden kann oder gekonnt wird. Den Preis bezahlen vor allem die Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf durch die Fortsetzung ihrer Zwangs-Inklusion in eine weitgehend total institutionalisierte Betreuungspraxis. Der Vortrag reflektiert die Problematik und skizziert Perspektiven.

Zur Person:
Prof. Dr. Georg Feuser, Jg. 1941, Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschullehrer, Sonderschulrektor a.D., seit 1978 Professor für „Behindertenpädagogik, Didaktik, Therapie und Integration bei geistiger Behinderung und schweren Entwicklungsstörungen” an der Universität Bremen, von 2005 bis 2010 Gastprofessor an der Universität Zürich (zuvor auch an den Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien), entwickelte und erprobte eine „Allgemeine Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik”, die das Anliegen der Inklusion in sich aufzuheben vermag - dies selbstverständlich auch im interkulturellen Kontext. Für die pädagogisch-therapeutische Praxis der Integration schwerst beeinträchtigter, entwicklungsgestörter und langjährig hospitalisierter Menschen entwickelte er mit der „Substituierend Dialogisch-Kooperativen Handlungs-Therapie (SDKHT)” eine subjektorientierte, auf die Rehistorisierung und Inklusion der Betroffenen in reguläre Lebensvollzüge orientierte basistherapeutische Konzeption. Bis heute erfolgt eine umfassende Publikations-, Herausgeber-, Vortrags- und Fortbildungstätigkeit in internationalen Kontexten.


DDr. Ursula Naue
Die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) im Spannungsfeld zwischen Verpflichtung und Ressourcendiskussion

Im Zentrum des Vortrags steht die Umsetzung der UN-BRK - im Kontext der Verpflichtung, die Österreich mit der Ratifikation der UN-BRK eingegangen ist, wie auch vor dem Hintergrund der Diskussion um knapper werdende Ressourcen. Es wird darum gehen, den Umsetzungsprozess der UN-BRK seit 2008 nachzuzeichnen und sich dabei der Frage zu widmen, wie es um einen rechtsbasierten Ansatz in Bezug auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen in Österreich im Kontext eines Sozialsystems, das immer stärker auf Eigenverantwortung und Selbstvorsorge abzielt, steht. Im Vortrag soll darauf aufbauend ein Blick nach vorne geworfen werden und heraus gearbeitet werden, wohin sich österreichische Behindertenpolitik weiter entwickeln wird beziehungsweise kann.

Zur Person:
Ursula Naue ist Senior Lecturer am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien. 2008 bis 2015 war sie Ersatzmitglied des Bundes-Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-BRK, seit 2016 ist sie Ersatzmitglied der Wiener Monitoringstelle für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie ist die österreichische Kontaktperson bei ANED, dem Akademischen Netzwerk europäischer BehinderungsforscherInnen.


Karin Schaubmaier
Möglichkeiten - Wirklichkeiten
UN Behindertenrechtskonvention ein Spannungsfeld für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, in Einrichtungen.

Wenn Einrichtungen wie das DW sich mit der Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention auseinander setzen, dann liegt die Frage nahe, was heißt das für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf? 

Zwei Personen geben uns Einblick in ihr Leben. Sie zeigen uns ihre individuelle Lebensgestaltung trotz hohem Unterstützungsbedarf und auch die Grenzen des derzeit Machbaren. Dass Visionen und Wünsche der Motor für Veränderung sind. Dass es Mut braucht, um neue Wege zu bestreiten und im Bewährten noch immer ein hoher Wert zu erkennen ist, ist Grundlage unserer Auseinandersetzung.

Zur Person:
Seit 45 Jahren mit dem Mühlviertel verwurzelt. Orthopädietechnikerin, Dipl. Behindertenpädagogin, Studium tiefenpsychologische Transaktionsanalyse an der Donau Krems Universität. Seit 2002 im Diakoniewerk zuerst als Mitarbeiterin in Wohnen, dann Arbeit. Seit 2006 Leitung Arbeit für Menschen mit Behinderung und seit 2015 Regionalleitung Behindertenarbeit für die Bereiche Arbeit und Wohnen.

 

 Prof. Dr. Anne-Dore Stein

`Die Möglichkeit ist nicht die Wirklichkeit – doch auch sie ist eine Wirklichkeit...´(Antonio Gramsci) - über die Entwicklung professioneller Identität am und im Widerspruch

Wie kann Inklusion in einer strukturell ausgrenzenden Gesellschaft umgesetzt werden? Diese Frage stellt sich besonders bei einer genaueren Analyse der Lebenssituation der Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf oder derjenigen, deren Verhalten als `herausfordernd´ bezeichnet wird. Ist dies also eine Frage des Personenkreises? Oder ist es nicht vielmehr eine Frage an die gesellschaftlichen Strukturen, die eine Einbeziehung Aller in alle Bereiche sozial-gesellschaftlichen Lebens so schwierig erscheinen lassen? Was ist aber dann die Aufgabe von Professionellen in diesem Feld? Muss die Frage der professionellen Kompetenz nicht ganz anders gestellt werden? Welchen Anforderungen sehen sich Professionelle gegenüber, wenn sie im Widerspruch zwischen der menschenrechtlich begründete Forderung nach Inklusion und ausgrenzender Gesellschaftsstrukturen handlungsfähig werden (und bleiben) wollen, ohne zum Befriedungsverbrecher ´( Basaglia) zu werden?

Zur Person:
Dipl.-Behindertenpädagogin, Dipl.-Sozialpädagogin; Seit 2000 Professorin für Inclusive Education an der Evangelischen Hochschule Darmstadt . Dort Aufbau BA- und MA- Studiengang Inclusive Education/ Integrative Heilpädagogik ( Start 2002/2003), Aufbau Weiterbildungs-MA Systementwicklung Inklusion ( Start 2014). Schwerpunkte: Geschichte und Theorie der Heilpädagogik, Entwicklungslogische Didaktik, International Vergleichende Heilpädagogik mit Schwerpunkt Inclusive Education, Konzeptionsentwicklung und Change-Management, Gemeinwesen- und Sozialraumorientierung , Policy Making. Praktische Tätigkeiten in Großeinrichtung der Behindertenhilfe, Sonder-Kita, Stützpädagogin in Integrativen Kitas in Bremen , Leitung ambulanter Dienst. Funktionen: u.a. Vorsitzende Fachbereichstag Heilpädagogik, Vorsitzende Verein Politik gegen Aussonderung

 

Gunther Trübswasser
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – eine vorläufige Bilanz der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

Seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention vor neun Jahren wird in Österreich - wie auch in anderen Staaten - über deren rechtliche Bedeutung diskutiert. Das Spannungsverhältnis zwischen der Umsetzung eines verbindlichen völkerrechtlichen Vertrags und der Wirklichkeit mit all den Vorbehalten, Ängsten und Problemen der Finanzierbarkeit sowie dem Zögern politischer Entscheidungsträger, könnte größer kaum sein. Aber auch die Antworten auf die Fragen, wie eine Umsetzung der Konvention selbst für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und unter schwierigen Bedingungen selbstbestimmt und menschenrechtskonform möglich ist, können innovativ und spannend sein.
Zur Person:
Geb. 1944 in Brno/Brünn (Tschechische Rep.) als Kind deutsch/tschechischer Eltern
seit dem 4. Lebensjahr nach Polioerkrankung im Rollstuhl
1963 – 1997: Landesbediensteter (Oö. Landesbaudirektion)
1983 – 1992: Mitbegründer und Redakteur der Zeitschrift „LOS“ der Selbstbestimmt Leben Initiativen Österreich (archiviert in der Online Bibliothek „bidok“ http://bidok.uibk.ac.at/bibliothek/archiv/los.html)
1997 – 2009: Abgeordneter zum Oö. Landtag
seit 2009: Vorsitzender des Vereins „SOS-Menschenrechte“ (http://www.sos.at)
seit 2012: Mitglied des Unabhängigen Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BMASK Wien, http://www.monitoringausschuss.at/)
seit 2014: Mitglied des Oö. Monitoringausschusses (https://www.land-oberoesterreich.gv.at/11